
Archivar Josef Friedel übergibt die Dokumentation „Gegen das Vergessen“ an Stiftungsvorstand Dr. Berthold Broll, Kulturkreisvorsitzenden Max Jung und Bürgermeister Roland Weiß (von links)
Dokumentation von Josef Friedel zu den Liebenauer Euthanasieopfern
"Gegen das Vergessen" - Die NS-Verbrechen an Menschen der Stiftung Liebenau
Im Rahmen eines offiziellen Pressetermins hat Gemeindearchivar Josef Friedel am vergangenen Montag seine Dokumentation zu den Euthanasieopfern der Stiftung Liebenau an den Stiftungsvorstand Dr. Berthold Broll und an Bürgermeister Roland Weiß übergeben. Rund vier Jahre hat sich Josef Friedel mit der Geschichte der Stiftung Liebenau während des Dritten Reiches beschäftigt und eine 100 Seiten umfassende Dokumentation „Gegen das Vergessen“ erstellt. Die zwei Bände umfassende Dokumentation gliedert sich in drei Teile: die Beschreibung der Ereignisse, eine Grunddatenerhebung sowie eine Zusammenfassung der einschlägigen Dokumente. „Es war für mich eine emotional belastende Auseinandersetzung mit dem Projekt, das heute abgeschlossen werden kann“, so Josef Friedel.
512 Menschen wurden in dieser Zeit aus der Stiftung deportiert, größtenteils in das ehemalige Samariterstift Grafeneck. „512 Menschen, denen ein Unrechtssystem das Lebensrecht abgesprochen hat. 501 von diesen 512 Deportierten haben ihr Leben in den Gaskammern von Grafeneck und Hadamar verloren“. Datenblätter über jede einzelne deportierte Person erfasste der Archivar. „Diese sensiblen Daten unterliegen zwar den Datenschutzbestimmungen, können aber unter Berücksichtigung des Archivrechts eingesehen und verwendet werden“, informiert er. Mit drei Bussen zu jeweils 25 Personen erfolgte der tägliche Transport nach Grafeneck. „Mehr hat das Krematorium Grafeneck an einem Tag nicht geschafft“.
„Die Deportation geschah 1940 nicht unvermittelt“, weiß Josef Friedel. Sie wurde Jahre vorher von Adolf Hitler in seinem ominösen Buch „Mein Kampf“ angekündigt und nach seiner Machtübernahme systematisch umgesetzt. Schon im Vorfeld kam es 1939 bereits zu Zwangssterilisationen.
„Den Entrechteten der Stiftung Liebenau galt und gilt mein Projekt „Gegen das Vergessen“, so der Archivar und langjährige Diakon Josef Friedel.
Den Opfern der Euthanasie ihre Würde und ihre Identität zurückzugeben, ist auch das Anliegen von Bürgermeister Roland Weiß. „Das ist das, was wir der Vergangenheit schulden und woraus wir lernen müssen für die Zukunft“, appelliert der Bürgermeister. Er dankte Josef Friedel für seine immense Arbeit und der Stiftung Liebenau für die Übernahme der Kosten. Stiftungsvorstand Dr. Berthold Broll bezeichnete es als Ehre, diese Werke in Empfang nehmen zu dürfen und dankte Josef Friedel für die außerordentliche Arbeit und der Gemeinde für die geleistete Hilfestellung. „Es darf kein Vergessen geben, diese Dokumentation ist ein Mahnmal für die Zukunft, so etwas nie wieder zuzulassen“, betont Dr. Broll sein Anliegen, die Vergangenheit bewusst zu halten und wider dem Vergessen zu wirken.
Bemerkenswert sei gewesen, so der Stiftungsvorstand, dass die Stiftung Liebenau unter dem damaligen Direktor Josef Wilhelm trotz Verbots auch jüdische Kranke aufgenommen habe.
Dank und Anerkennung für diese fundiert wissenschaftliche Arbeit zollte auch Max Jung, Vorsitzender im Kulturkreis Meckenbeuren. Bereits sieben Publikationen zur Gemeindegeschichte habe Josef Friedel in ehrenamtlicher Arbeit für den Kulturkreis erstellt. „Auch Schüler können sich dadurch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit und der Geschichte vor Ort auseinandersetzen“, so Max Jung.
Angeregt wurde das Projekt 2004 bei einer Ausstellung zum Thema Euthanasie im Schloss Liebenau. „Bei der Vorbereitung fiel mir auf, dass die Liebenauer Akten noch nicht systematisch aufgearbeitet waren“, erinnert sich Josef Friedel. Ausgehend von „Transportlisten“ habe er recherchiert, woher die Menschen, die in der Stiftung Liebenau untergebracht waren stammten. In Archiven in Sigmaringen, Stuttgart, Ludwigsburg und Berlin hat Josef Friedel Krankenakten von Personen aus Liebenau und Rosenharz ausfindig gemacht und gesichtet. 193 Briefe von Angehörigen oder Rückantworten der Einrichtung beleuchten die angstbeladene Situation beider Seiten, die durch bewusste Falschinformationen der Nationalsozialisten und eine strenge Schweigeverpflichtung verschärft wurden. Hinweise und Auszüge aus den staatsanwaltschaftlichen und richterlichen Akten zum sogenannten „Grafeneckprozess“ beschließen mit den Aussagen des damaligen Direktors Josef Wilhelm und anderen Mitarbeitern der Liebenauer Anstalten die Dokumentation Friedels.
Erstellt von Chr. Ehmann am 27.10.2009
Meckenbeuren
Theodor-Heuss-Platz 1
88074 Meckenbeuren
T 07542/403-0
F 07542/403-100
rathaus@
meckenbeuren.de
Alle wichtigen Informationen auf einen Blick. Viele Behördengänge online, bequem von zu Hause aus erledigen! mehr
Die aktuellen Gemeinde-Nachrichten als Download mehr